Vier Fachleute, vier Behandlungsstrategien bei Darmbeschwerden

Ganzheitliche Methoden haben in ihren Zugängen zu Krankheiten unterschiedliche Ansätze. Für Patienten ist es oft nicht leicht, sich zu orientieren. Die lebensweise stellt deshalb verschiedene Therapiekonzepte vor - und nicht selten finden sich überraschende Berührungspunkte.

Traditionelle europäische Medizin. Nahrungsmittel, die nicht natürlich vorkommen, sondern chemisch und industriell verarbeitet werden, sind der Darmgesundheit grundsätzlich abträglich. Dazu gehören meiner Meinung nach auch Nahrungsergänzungsmittel. Denn alles, was der Mensch und natürlich sein Darm verarbeiten muss, das ihm aber nicht entspricht, belastet ihn. Das Problem ist, dass wir heute aufgrund der industriellen Lebensmittel meist kein Gefühl mehr haben, was uns entspricht.

 

Wichtig sind Lebensmittel, die saisonal und in der jeweiligen Region vorkommen. Die wiederum sollte man reif essen, damit es auch langfristig nicht zu Unverträglichkeiten kommt. Ein Beispiel sind etwa Gluten im Mehl. Heute gibt es Backmischungen, die überall gleich dosiert sind. Früher gab es hingegen in nahezu jedem Dorf andere genotypische Arten von Getreide. Damit war auch das Brot anders. Wenn ich immer genotypisch die gleichen Pflanzen esse, dann fehlt die Vielfalt. Jeder Pflanzentyp hat unterschiedliche Möglichkeiten, Nährstoffe aus dem Boden zu ziehen und unterschiedlich zu verarbeiten. Genau diese Variationsbreite ist es aber, die der Körper und damit letztlich der Darm braucht.

 

Ähnlich ist es auch bei Eiweiß. Wir ernähren uns heute viel zu dicht und das belastet den Darm. Nehmen wir beispielsweise Fisch. Eine Forelle braucht drei bis vier Jahre, bis sie so groß ist, dass man sie essen kann, da wächst jedes Huhn rascher und das Eiweiß ist damit auch nicht so dicht. Allerdings braucht es für ein Kilogramm Tiereiweiß – egal ob Huhn, Rind oder Schwein – sehr viel pflanzliches Eiweiß in Form von Getreide oder Hülsenfrüchten. Tierisches Eiweiß ist also extrem konzentriert.

 

Andere Lebensmittel wie beispielsweise Salat, Gemüse und Kräuter wachsen rascher, enthalten mehr Wasser, Vitamine und Mineralstoffe und können leichter verdaut werden, weil sie nicht so dicht sind. Ist die Nahrung nicht ausgewogen, wird das Verdauungssystem stark belastet. Was nicht völlig aufgeschlossen wird, kann nicht gut aufgenommen werden, belastet den Darm und führt zu einer Verschmutzung der Darmzotten und damit zu Erkrankungen.

 

Fasten ist hier eine Möglichkeit – neben einer ausgewogenen Ernährung – zur Reinigung, Entlastung und Entgiftung. Man kann das auch mit Einläufen unterstützen, ich rate aber von Salzen und Abführmitteln ab, weil das den Darm wiederum belastet.

 

 

 

Dr. Petra Zizenbacher ist Allgemeinmedizinerin, Kräuterfachfrau und Expertin für komplementäre, europäische Heilmethoden. www.naturheilzentrum.at

 

 

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Traditionelle Chinesische Medizin. Das Zentrum der Gesundheit ist in der TCM der Darm – die Mitte. Zum Funktionskreis des Dickdarmes gehören auch Lunge und Haut. Damit eröffnen sich auch ganzheitlichere Zugänge und man sieht, wie verschiedene Dinge zusammenhängen – beispielsweise Atem- und Hauterkrankungen mit dem Darm. Die europäische Schulmedizin hingegen fokussiert oft einfach auf Symptome, sucht aber selten die wirkliche Ursache. Allerdings ist auch bei uns durch Forschungen in der Zwischenzeit beweisen, dass das Immunsystem zu 75 Prozent über den Darm gesteuert wird.

 

Die Behandlung von Darmerkrankungen oder solchen im dazugehörigen Funktionskreis erfolgt in einem ersten Schritt in jedem Fall über die Ernährung. Ein TCM-Arzt fragt deshalb auch danach, wie sich jemand ernährt und empfiehlt dann je nach Typ des Patienten und Befund eine entsprechende Ernährung und macht Vorschläge für die Zubereitung von Speisen. Generell empfehle ich saisonale und regionale Nahrungsmittel und schlage vor, das zu essen, was gerade reift. Dazu muss man nur in den Garten schauen und sieht, was gerade essbar ist.

 

Ich empfehle regelmässige Mahlzeiten, einen entsprechenden Rhythmus und häufig auch warm zu essen. Man sollte sich auch Zeit nehmen, um gut verdauen zu können. Das ist vor allem dann wichtig, wenn die Mitte schwächer ist. Die TCM-Organuhr zeigt, dass am Vormittag und Mittag mehr Energie im Verdauungsbereich vorhanden ist. Damit fällt zu dieser Zeit die Verdauung auch leichter. Umgekehrt sind Dinge, die man spät isst, auch schwerer verdaulich. Die Volksweisheit: „Frühstücken wie eine Kaiser, Mittagessen wie ein König, Abendessen wie ein Bettler“ findet hier eine Entsprechung in der TCM.

 

 

 

Dr. Hildegard Gölles ist Allgemeinmedizinerin und TCM-Ärztin in Eisenstadt und beschäftigt sich mit Probiotika.

 

 

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F. X. Mayr-Medizin.

 

Die zentralen Elemente der Mayr-Medizin und –Kuren sind Schonung, Säuberung und Schulung. Das fokussiert sich heute nicht mehr einfach auf Milch und Semmel, wie man es gemeinhin kennt. Wir wissen heute, wie wichtig gerade bei Darmerkrankungen die Ernährung ist und der Spruch von Hippokrates, wonach Nahrung Medizin und Medizin Nahrung sein soll. Die richtige Bewegung ist genauso wichtig, wie langsames Essen. Entspannung ist ebenfalls ein zentrales Thema, da Stress chronisch entzündliche Darmerkrankungen fördern kann. Elementar ist vor allem auch das Wissen über die Zusammenhänge des richtigen Essens und Einspeichelns, weshalb Schulung eine wichtige Rolle einnimmt. Man lernt das Betriebshandbuch des Bauches kennen.

 

Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass schwere Schäden an der Darmwand durch falsche Ernährung ausgelöst werden. Dazu kommt, dass in modernen, industriellen Lebensmitteln manche Stoffe einfach überdosiert sind. Gluten ist es so ein Beispiel. Der Glutenanteil im Weizenprotein ist heute viel höher als früher. Und schon Paracelsus hat gewarnt, dass alle Dinge in einer zu hohen Dosis giftig sein können.

 

F. X. Mayr hat als Kuhhirte und bei seinem Onkel, der Schlachter war, gelernt, das Fleisch und die Gesundheit bei lebenden Tieren zu beurteilen. Über den Bauch, den Stuhl und die Haut. Später als Arzt hat er daraus ein diagnostisches und therapeutisches Konzept für den Menschen entwickelt. Heute verwenden wir auch aktuelle Vitalstoffpräparate, die in der Lage sind, den Darm gesund zu halten beziehungsweise eine geschädigte Darmflora wieder aufzubauen. So etwa Probiotika und Präbiotika. Von grundlegender Bedeutung bleiben jedoch die drei Säulen Schonung, Säuberung und Schulung.

 

Dr. Henning Sartor ist Vizepräsident der internationalen Gesellschaft der Mayr-Ärzte, Vorstandsmitglied der Österr. Gesellschaft für probiotische Medizin und war ärztlicher Leiter des Gesundheitshotels Spanberger, dem Geburtshaus von Franz Xaver Mayr.

 

www.mayrprevent.com

 

www.radixbalance.at

 

 

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Ayurveda. Die „Mutter der Heilkunde“ hat einfache, ganzheitsmedizinische Konzepte, etwa die Konstitutionslehre auf Basis der Grundfunktionskräfte der Natur (Doshas), die auch unseren Organismus steuern. Was das Verdauungssystem anbelangt, ist die Stabilitätskraft (Kapha) im Mund und oberer Teil des Magens für das Verflüssigen des Nahrungsbreis verantwortlich. Bei einer Störung kommt es zu einem Zuviel oder Zuwenig an Schleimbildung im Verdauungstrakt, einer mangelhaften Aufbereitung der Nahrung und einer verminderten Schleimschutzschicht im Magen.

 

Die Transformationskraft (Pitta), lokalisiert im unteren Teil des Magens, Zwölffingerdarms, Leber und der Bachspeicheldrüse, hat die Funktion der Umwandlung der Nahrung. Ist sie gestört, führt das zu einer zu starken oder zu schwachen Verdauungskraft und vermehrten oder verminderten Verdauungsenzymen (z.B. Gallenflüssigkeit, Pankreassaft). Das Vata-Dosha (Bewegungskraft) ist im Verdauungssystem hauptsächlich im Dickdarm und Enddarm lokalisiert und hat die Funktion des Transports und der Eindickung der Nahrung. Eine Störung führt zu einer gestörten Peristaltik und Austrocknung des Verdauungssystems.

 

Ayurvedische Ernährungsempfehlungen sind individuell angepasst an die Konstitution und an die Verdauungskraft (Agni). So wird empfohlen, mittags die Hauptmahlzeit einzunehmen und Frühstück (Kapha Tee, gedünsteter Apfel) und Abendessen (Gemüse-Reis-Suppen) klein zu halten. Verdauungsunterstützende Gewürze sind Ingwer, Kreuzkümmel, Koriander, Kurkuma (Gelbwurz), langer und schwarzer Pfeffer, Fenchel sowie u.a. Bockshornkleesamen. Als Getränke werden heißes Wasser, Vata-/Pitta-Kapha-Tees sowie salziges Lassi empfohlen.

 

Die Verdauungskraft wird ebenfalls von den drei Grundfunktionskräften beeinflusst: Kapha Agni ist demnach charakterisiert, in dem ein Mensch wenig Hunger, Schweregefühl nach den Mahlzeiten, langsame Verdauung und damit eine schwache Verdauungskraft hat. Pitta Agni zeigt sich in Heißhungerattacken und kann zu Schleimhautentzündungen des Magens, Geschwüren, Refluxerkrankung sowie Reizmagen führen. Vata Agni zeigt sich in unregelmäßigem Hungergefühl und kann zu Verstopfung und Blähungen führen.

 

 

 

Dr. Lothar Krenner, Allgemeinmediziner, Vorsitzender der Österreichischen Ärztegesellschaft für Ayurvedische Medizin – Maharishi Vedische Medizin und Mitglied des Dachverbands Österreichischer Ärztinnen und Ärzte für Ganzheitsmedizin. www.ayurveda.at

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