Frau Holle und die Raunächte

 

Nach wie vor halten sich in vielen Gegenden Raunacht-Rituale zur Weihnachtszeit. In der Zeit zwischen der Wintersonnenwende (21.12.) und dem Dreikönigstag (6.1.) war früher kein Haus vor dem Duft von Weihrauch und geräucherten Kräutern sicher. Die Wintersonnenwende mit dem kürzesten Tag und der längsten Nacht ist die Rückkehr der Sonne und des Lichtes, um die Menschen zu wärmen und die Natur zu erwecken. Es ist kein Zufall, dass Weihnachten als Lichterfest in diese Zeit fällt. Seit jeher haben Räucherungen, Heilkräuter und Gewürze diese Tage begleitet. Sonnenkräuter wie Johanniskraut, Kamille, Lavendel und Holunder, die zur Sonnenwende geerntet wurden, gelten als stimmungsaufhellend.

 

Rituale wiederum sind heute noch wichtig für Gesundheit und Wohlbefinden, lautet die Quintessenz einer Analyse von Ritual-Studien durch die US-Psychologin Barbara Fiese von der Syracuse University: Die Wissenschafter sehen in Ritualen machtvolle „Organisatoren“ des Gesellschaftslebens, die Stabilität garantieren. „Rituale sind eine Art symbolische Kommunikation“, sagt Fiese: Sie transportierten ein Gemeinschaftsgefühl wie „das sind wir“ für eine bestimmte Gruppe und böten über Generationen hinweg Kontinuität. Zudem gebe es bei Ritualen häufig eine emotionale Prägung: Viele Menschen würden das Erlebte in der Erinnerung später erneut durchleben, um positive Erfahrungen zu wiederholen, und so würden „Glückshormone“ ausgeschüttet, die auf das „Belohnungszentrum“ im Gehirn wirken. Durch Düfte – etwa über Räuchern – werden diese Erinnerungen verstärkt.

 

Raunächte sind oft mit Perchtenläufen verbunden, die heute schon im Advent beginnen. Laut Tradition bricht zur Mitte der Zwölfnächte die „Wilde Jagd“ auf. Angeführt wird sie von Perchta – einer Frauengestalt. Experten sehen in ihr eine Assimilation aus der germanischen Göttin Frigg und keltischen Traditionen. Im Mitteldeutschland entspricht ihr die Sagengestalt Frau Holle. Der Name ist von althochdeutsch „peraht“ (hell, glänzend) abgeleitet. Im Volksmund ist Frau Holle für Schnee verantwortlich wenn sie ihre Betten ausschüttelt. Nach anderen Sagen segnet sie die grünenden Fluren im Frühjahr, indem sie über Felder und Wiesen schreitet. Der Holunder gilt als Pflanze, die ihr geweiht ist. Zur Zeit der Raunächte soll sie zur Erdoberfläche steigen, um nachzusehen, wer das Jahr über fleißig und wer faul war. Die früheste schriftliche Erwähnung findet sich zwischen 1008 und 1012, jedoch ist sie nach Ansicht des Historikers und Buchautors Karl Kollmann sehr viel älter: „Die Indizien sprechen stark für die Annahme, dass Frau Holle keine Spukgestalt und kein Vegetationsdämon ist, sondern die Verkörperung einer uralten weiblichen Erdgottheit, wie man sie fast überall auf der Welt unter den verschiedenen Namen verehrt hat.“ Kurz: Frau Holle als die große Göttin, als „Mutter Erde“.

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