Nichtstun als gesundes Ritual

 

Auszeit. Herbst und Winter sind für viele Menschen eine willkommene Zeit des Rückzugs. Die Tage werden kürzer. Und in vielen Religionen und Kulturen sind in dieser Jahreszeit Rituale der Besinnung und des Leisetretens verankert. Gleichzeitig ist aber genau das für immer mehr Menschen immer seltener möglich.

 

 

 

Laut Europäischer Agentur für Sicherheit und Gesundheit sind europaweit rund 40 Millionen Menschen von Stress betroffen. Arbeiten bis spät in die Nacht, Reizüberflutung, ständiger Druck, chronischer Schlafmangel: Der menschliche Rhythmus gerät in der modernen Arbeitswelt immer häufiger aus dem Takt, sagte Anfang November 2013 Maximilian Moser, Chronomediziner und Professor für Physiologie an der Medizinischen Universität Graz, bei einem Vortrag in Wien. Zeiten zur Erholung kommen immer öfter zu kurz. Die Entwicklung hat weitreichende Folgen: Die Zahl der Krankenstandstage aufgrund Burnout und Depression ist in den vergangenen zehn Jahren um beinahe 80 Prozent gestiegen. Schlaflosigkeit, Energie- und Antriebslosigkeit nehmen zu.

 

Auch auf die Ernährung wirkt sich die Entwicklung aus: Satte 85 Prozent der Menschen ernähren sich anders, als sie wollen. Das hat ausgerechnet eine deutsche Studie ergeben, die im Auftrag des Lebensmittelriesen Nestlé durchgeführt worden ist. Jeder Zweite war zwar davon überzeugt, dass gute Ernährung die Lebensqualität erhöht. Verhält sich aber genau anders. Der Hauptgrund, warum Wunsch und Wirklichkeit so weit auseinanderklaffen, liegt laut der deutschen Untersuchung im Stress. Jeder Vierte gab an, zu wenig Zeit zum Essen zu haben. Viele Berufstätige sagten, sie könnten nur am Wochenende auf ihre Ernährung achten und einige haben offenbar gar keine festen Essenszeiten mehr. Kochen ist dann nicht mehr die Verarbeitung von Lebensmitteln wie Gemüse, Obst oder Getreide, sondern sich eine Fertigpizza ins Backrohr zu schieben.

 

Studien, so analysiert Moser, haben gezeigt, dass gestörte Rhythmen auch ernsthafte Krankheiten auslösen können. Nicht nur durch falsche Ernährung, sondern weil der Körper oft keine Erholungsphasen mehr findet. Urlaub wäre eine Lösung, doch selten hat man dafür Zeit und Geld.

 

Therapie und Medizin

Keinen Urlaub, aber Hilfe den Rhythmus wieder zu finden, können auch Kuren bieten. Denn dort ist das Ziel, präventiv zu helfen, Lebensstiländerungen herbeizuführen. Deshalb dauern Kuren, die von der Sozialversicherung bezahlt werden, auch drei Wochen, erklärt Kurt Kaufmann, Geschäftsführer des Österreichischen Heilbäder- und Kurorteverbandes (ÖHKV). „Es gibt strenge Leistungsprofile und Vorgaben“, sagt Kaufmann. Es soll ja nicht ein Urlaub sein, wie das Kuren früher oft vorgeworfen worden ist. „Wir brauchen aber die drei Wochen – das sagen alle Experten. Es geht nicht einfach nur um den Körper, sondern auch um die Psyche. Und es geht ums Runterkommen“, sagt ÖHKV-Obmann Adolf Weber. Der beabsichtigte Lerneffekt hin zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung brauche Zeit und auch Gespräche für ärztlich verordnete Therapieprogramme. „Das Zusammenspiel von Therapie und Medizin ist wichtig.“ Mit Wellness habe das nichts zu tun. Weber: „Wir wissen alle was Wellness ist, wenn einer eine Sauna hat, schreibt er schon Wellness drauf.“

 

Deshalb ist eine verordnete Kur auch ein Krankenstand und kein Urlaub. Kaufmann: „Kur ist klassische Prävention.“ Doch gerade weil ein Kuraufenthalt Krankenstand bedeutet, ist das Geschäft stark konjunkturabhängig, erzählen die Anbieter. In Zeiten schlechter Konjunktur gehen etwa Kuranträge zurück, weil viele Menschen Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Ein Teufelskreis für die Betroffenen beginnt.

 

Die Sozialversicherung versucht gegenzusteuern und betont: Medizinische Kuren dienen der Erhaltung und Festigung von Gesundheit und Arbeitskraft. Kur ist Prävention zur Erhaltung und Verlängerung der Arbeitskraft. Kaufmann: „Alle reden ja immer über eine Verlängerung der Arbeitszeit im Hinblick auf die Finanzierung der Sozialsysteme.“ Im Regelfall kann man alle drei Jahre eine von der Sozialversicherung finanzierte Kur machen. Und die dauert dann drei Wochen. Allerdings legt die Sozialversicherung verstärkt Wert auf eine hohe Qualität der Angebote: „Wir wollen bei den Kuren eine aktive Gesundheitsvorsorge und setzen neben einem Basismodul für Berufstätige auch auf drei Module in den Bereichen Ernährung, Bewegung und mentale Gesundheit“, sagt Rudolf Müller, Ärztlicher Direktor der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) über die Kuren im ASVG-Bereich abgerechnet werden.

 

Etwa 85 Prozent der Menschen kommen mit Problemen im Stütz- und Bewegungsapparat, weiß er. Je nach Ursache brauche es dann die entsprechenden Angebote. Sei etwa Übergewicht im Spiel, müsse man auch im Ernährungsbereich ansetzen. Und das brauche Zeit, weshalb eine Kur auch so lange dauern soll. Denn sie soll ja auch nachhaltig zu Veränderungen führen.

 

Gemeinsam mit einer Kur-Klinik in Kärnten hat Chronobiologe Moser eine spezielle Rhythmus-Therapie entwickelt, die Burnout-Patienten wieder in den richtigen Rhythmus bringt. Dafür werden gezielt Rhythmusgeber eingesetzt, die den Rhythmusräubern den Boden entziehen. Dies funktioniert über geeignete Ernährung, Kunsttherapie und Gestaltung des Tagesablaufes. Ziel ist, den Organismus wieder zum Klingen zu bringen.

 

Status ging verloren

Österreich zählt 75 Kurorte – überwiegend sind dies Heilbäder und Thermen – mit rund 400 Kur-einrichtungen. Doch manche Kurorte – vor allem sogenannte Luftkurorte – wissen längst nicht mehr um ihren Status. Der ÖHKV, die größte private Interessensvertretung von Heilbädern, Thermen, Kurorten sowie Kur- und Kneippbetrieben, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Stellenwert dieser Branche vermehrt ins rechte Licht zu rücken, betonte deren Geschäftsführer Kaufmann bei der Jahrestagung im Oktober in Bad Hofgastein. (rüm)

 

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