„Rhythmus spart Kraft“

 

Rhythmen sind lebensnotwendig. Nach wie vor geben sie in der Landwirtschaft einen Takt vor, denkt man etwa an die Jahreszeiten. Doch auch für unsere Gesundheit spielen sie eine zentrale Rolle: Gerät unser Körper aus dem Takt, werden wir krank, sagt der Chronomediziner Maximilian Moser von der Medizinischen Universität Graz.

 

 

 

Kluge Menschen pflegen biologische Rhythmen und gehen damit anderen auf die Nerven. Dafür bleiben sie meist gesund und die meisten von ihnen sind auch schon über 90 Jahre alt. Würden sie nicht nach Rhythmen leben, würden sie wahrscheinlich nicht mehr leben. Oder kennen sie einen 100jährigen, der sich regelmäßig die Nacht um die Ohren schlägt“, fragt Maximilian Moser und schneidet beim jüngsten Kongress der Akademie für Ganzheitsmedizin ein Thema an, das immer mehr in den Fokus der Medizin rückt – der Rhythmus.

 

 

Der menschliche Rhythmus gerät in der modernen Arbeitswelt immer öfter aus dem Takt, analysiert er. „Dauernde Störung der biologischen Rhythmen kann zu Erkrankungen führen - von Burnout bis Krebs“, betont der Chronomediziner und Professor für Physiologie an der Medizinischen Universität Graz. Studien zeigen, dass Berufsgruppen wie Schichtarbeiter oder Flugpersonal, deren Schlaf-Wach-Zyklus gestört ist, ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko aufweisen. Tatsächlich bestätigten Untersuchungen, dass Brust- und Hautkrebs bei Flugbegleiterinnen und Piloten auffällig häufig auftreten. Dieses Phänomen wurde ursprünglich auf die ionisierende Höhenstrahlung zurückgeführt, eine Studie hat jedoch gezeigt, dass der gestörte Schlaf-Wach-Zyklus bei dieser Berufsgruppe wesentlich beteiligt ist.

 

Menschen mit Krebserkrankungen zeigen gestörte biologische Rhythmen und umgekehrt haben zahlreiche Studien ergeben, dass Störungen der Rhythmen, wenn sie chronisch erfolgen, zu Krebserkrankungen führen können. So steigt etwa bei rotierenden Nachtschichten, die sich besonders störend auf die inneren Rhythmen auswirken, die Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs zu erkranken, nach 20 Berufsjahren, um 50 Prozent. Bereits 2007 hat die „International Agency for Research on Cancer“ der WHO die rotierende Nacht- und Schichtarbeit als „wahrscheinlich kanzerogen“ eingestuft.

 

„Wir wissen heute, dass eine Vielzahl biologischer Rhythmen an der Aufrechterhaltung unserer Gesundheit beteiligt ist“, sagt Moser, der seine Forschungen vor allem in der Begleitung des österreichischen Weltraumfluges „Austro-Mir“ ausbaute und mit dem heimischen Kosmonauten Franz Viehböck entsprechende Untersuchungen machte. Die drei großen Zeitgeber im Organismus, die unsere Rhythmen synchronisieren, sind das Tageslicht, die Nahrungsaufnahme sowie unser soziales Umfeld. Zeitgeber sind äußere Einflüsse, die den Rhythmus eines Menschen prägen, die dafür sorgen, dass unsere Organe gemeinsam den Tag oder die Nacht beginnen, also synchronisiert werden.

 

Licht ist vermutlich der Zeitgeber, dessen Wirkung am universellsten ist. Es fungiert als Zeitgeber in nahezu allen Organismen, sogar solcher, die in ständiger Dunkelheit leben. Menschen reagieren auf Licht mit einem lichtempfindlichen Pigment in der Netzhaut, das vor allem auf blaues Licht reagiert, sagt Moser. Deshalb sei es auch ein Problem, dass gerade heute moderne Energiesparlampen vor allem blaues Licht enthalten. „Das weckt uns am Abend auf“, sagt Moser. Eine unrhythmische Lebensweise verringert zudem das Ausschwingen unserer Rhythmen und stört die inneren Uhren: Andauernder Stress, zu wenig und schlechter Schlaf, keine Ruhephasen oder Arbeiten am Wochenende.

 

Der Mensch ist ein rhythmisches Wesen

Im Grunde ist die Erkenntnis, dass wir rhythmische Wesen sind und die Rhythmen eine zentrale Bedeutung haben nicht neu. Chronobiologen sehen verschiedene Takte, denen wir ausgesetzt sind: So genannte infradiane Rhythmen sind Rhythmen, die länger als 24 Stunden sind. Darunter fallen Jahresrhythmen wie der Vogelzug. Variationen in der Sonneneinstrahlung durch die Veränderung der Tageslänge führen zu den Saisonunterschieden in Temperatur und im Nahrungsangebot. So gut wie alle Organismen zeigen als Antwort darauf eine ausgesprochene Jahresrhythmik bei ihrer biologischen Organisation. Dies äußert sich beispielsweise in einer saisongebunden Aktivitäts- beziehungsweise Ruhephase und allen damit verbundenen Phänomenen wie Mauser, Migration, Winterschlaf und anderen. Manche Säugetiere unterdrücken zu bestimmten andauernd ihren Energieverbrauch und fallen in Winterschlaf. Zugvögel verlassen ihre Brutgebiete und fliegen in ihre Winterquartiere, wo sie mit einem besseren Nahrungsangebot rechnen können. Im Norden der Erdkugel ist wiederum die Fortpflanzung in den günstigen Frühjahrs- und Sommermonaten konzentriert. Die Kenntnis dieser Mechanismen, die die Jahresrhythmik regulieren, war und ist besonders für die Nahrungsmittelproduktion von großer Bedeutung.

 

Eine weitere infradiane Rhythmik ist die der Gezeiten und des Mondes. In einem Gebiet, das regelmäßig trocken ist und zu bestimmten Jahreszeiten überflutet wird, ist es lebensnotwendig diese Ereignisse zu wissen. Eine circadiane Rhythmik wiederum nennt man in der Chronobiologie innere Rhythmen, die eine Periodenlänge von 24 Stunden haben. Der einfachste ist der Schlaf-Wach-Rhythmus - auch Tiere und Pflanzen besitzen einen solchen. Im Volksmund wird der circadiane Rhythmus auch einfach die „innere Uhr“ genannt.

 

„Jeder Mensch durchläuft im Laufe des Lebens einen Zyklus, der auch den Chronotyp verändert: Kinder sind Morgenmenschen, im Studentenalter erreicht man das Maximum des Abendtypus', ab etwa 50 Lebensjahren kommt dann wieder der Morgenmensch zum Tragen“, erklärt der Experte, der dafür auch ein Beispiel bringt: „Es gab Aufzeichnungen über die Schlafenszeiten von Kindern. Da hat sich gezeigt, was alle Eltern wissen: Es dauert eine Zeit, bis sich der Körper des Babys rhythmisch einschwingt. In den ersten Wochen herrscht Chaos. Geschlafen wird zu den unterschiedlichsten Zeiten und unterschiedlich lang. Irgendwann macht es 'klick' und ein Kind hat sich synchronisiert. Zur Freude der Eltern schläft es durch.“ Interessant sei zu beobachten, dass am Ende des Lebens das Chaos der Unrhythmik wieder zurückkomme.

 

Dieser Zeitorganismus des Menschen reagiert dabei sehr stark auf Übung. Werden Dinge regelmäßig gemacht, dann gewöhnt sich der Organismus daran und synchronisiert verschiedene Bereiche. Moser: „Das ganze System stimmt sich dann aufeinander ab. Auf die Praxis bezogen kann die Übung im täglichen Leben darin bestehen, dass man regelmäßige Essenszeiten einhält, versucht sich an regelmäßige Schlafzeiten zu halten - etwa am Wochenende nicht einfach in den Tag hinein schläft, sondern höchstens ein bis zwei Stunden später aufsteht.“

 

Derartige Rhythmen sparen auch Kraft und Energie oder kosten umgekehrt Kraft, wenn man ständig chaotische Tagesabläufe habe, denen der Körper nur schwer folgen könne. Stress, Zeitdruck, unregelmäßiger Schlaf – „zusammengefasst alle Faktoren des modernen Lebens“ – rauben uns den Rhythmus. „In Ländern der so genannten Dritten Welt haben Menschen noch Freude bei der Arbeit, sie lachen sogar dabei. Einer der Gründe: Die Menschen singen bei körperlicher Arbeit. Das führt, wenn sie gemeinsam arbeiten, zu einer Synchronisation. Rhythmus spart Kraft. Das wissen auch Ruderer schon seit langem – sie singen oder haben einen Taktgeber. Bei uns singt keiner am Computer und das Lachen ist vielen schon lange vergangen bei der Arbeit.“ Fazit des Experten: Auch der Köper hat einen Rhythmus und die Synchronisation der organischen Abläufe und jener in den Zellen spart Energie.

 

Zwei-Stunden-Rhythmen

Denn unsere Organsysteme arbeiten in vielfältiger Weise zusammen. „Diese Zusammenarbeit kann nur dann gut gelingen, wenn ein Teil weiß, was der andere gerade macht - und das wird durch den Rhythmus abgestimmt.“ Ein System stelle sich auf das andere ein, wie in einem guten Orchester die Musiker aufeinander, und dieses Zusammenspiel ermögliche letztlich Gesundheit. „Es kann kurzfristig zu Befindlichkeitsstörungen kommen, langfristig zu funktionellen Störungen und später zu organischen Erkrankungen.“ Denn in jedem Organ und jeder Körperzelle finden im Laufe des Tages abwechselnd Abbau-, Aufbau- und Speicherungsprozesse statt. Präventiv sei es wichtig dann einzugreifen, wenn der Organismus noch im Fluss ist. „Wenn er krank ist, haben sich die Probleme verfestigt, es bewegt sich nichts mehr.“ Der Experte rät uns deshalb Pausen einzulegen – am besten in Zwei-Stunden-Rhythmen. Aber auch generell einen geregelteren Tagesablauf zu suchen. „Langfristig helfen auch Urlaube oder Kuren.“ (rüm)