Rituale für Körper und Geist

 

Sie sind stetiger Begleiter der Menschheitsgeschichte. Zuerst als Ausdruck der Verbundenheit des Menschen mit der Natur zelebriert, wurden Rituale bald auch in religiösen Kontext gestellt. Aus gutem Grund: Rituale sind eine Säule der Gemeinschaft und fördern physische wie psychische Gesundheit

 

 

Weihnachten. Es ist spät abends und die Christmette steuert auf ihren Höhepunkt zu. Weihrauchschwaden durchziehen das abgedunkelte Kirchenschiff, der flackernde Schein der Kerzen verleiht dem Ritual einen mystischen Zauber. Dann hebt die versammelte Gemeinde zum gemeinsamen Gesang an, Dutzende Stimmen intonieren „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Ein wohliger Schauer durchläuft die Menschen, selten ist das Gemeinschaftsgefühl so ausgeprägt wie in diesem Moment. Selbst Kirchgänger, die nichts mit dem christlichen Glauben am Hut haben und aus anderen Gründen der Messfeier beiwohnen, sind beeindruckt von der Macht dieser Zeremonie – es fühlt sich an, als ob man vom Stress befreit wäre, einen Heilungsprozess durchlebt hätte.

 

Gemeinsame Rituale gelten als eine Art Kitt einer Gruppe, nicht nur in einem religiösen Kontext: Sie fördern das Gemeinschaftsgefühl, erleichtern die Aufnahme eines neuen Mitglieds, stärken die Bindung des Einzelnen an die Gruppe und sind damit gut für den sozialen Zusammenhalt – und damit auch für das seelische Gleichgewicht und in Folge auch für die psychische und physische Gesundheit. Das gilt meist nicht nur für Ritualteilnehmer, sondern auch für Zuschauer, hatten frühere Studien gezeigt. Allerdings ging es bei diesen Forschungen um Rituale, die stark mit Symbolen arbeiteten und in irgendeiner Weise synchronisierte Bewegungen wie Tanzen, Trommeln, Klatschen oder ähnliches umfassten. Was aber, wenn solche gemeinsamen Handlungen fehlen? Wissenschafter um Ivana Konvalinka von der Universität im dänischen Aarhus gingen dieser Frage nach und förderten – in einem vergleichbaren Setting wie in einer Christmette – verblüffende Resultate zutage.

 

Spannung liegt in der Luft des kleinen spanischen Ortes San Pedro Manrique: Um Mitternacht werden die ersten der 28 mutigen Läufer in einem speziell dafür errichteten Amphitheater vor mehr als 3000 Zuschauern barfuß einen sieben Meter langen Teppich aus glühenden Kohlen überschreiten, ein jährliches Ritual, das neben Freunden, Verwandten und Bekannten der Läufer immer auch Zaungäste aus anderen Dörfern und Gegenden sowie Touristen anlockt. Doch diese Fremden, das hat das internationale Forscherteam gezeigt, können zwar die Aufregung und die Spannung vor dem Feuerlauf spüren, sie sind jedoch nicht wirklich Teil des Rituals – ganz im Gegensatz zu den Freunden und Verwandten der Läufer: Deren Herzschlag synchronisiert sich nämlich mit dem des Läufers und verändert sich während des Events im gleichen Muster; fast so, als wären sie alle an denselben Herzschrittmacher angeschlossen. Der Puls fremder Zuschauer zeigt hingegen keine derartige Kopplung.

 

Die Forscher interpretierten ihre Ergebnisse im US-Fachmagazin Proceedings oft the National Academy of Sciences (PNAS) so: Die Übereinstimmung scheint Folge von empathischer, emotionaler Kopplung zwischen den Gruppenmitgliedern zu sein. Diese „synchronisierte Erregung“, wie die Wissenschafter es nennen, wirke dabei allein durch die Nähe während des Rituals ansteckend, allerdings nicht auf alle Anwesenden gleich stark: Nur die, die mit der Bedeutung des Rituals und den anderen Mitgliedern vertraut sind, die also stark in die Gruppe integriert sind, werden von der Erregung erfasst. Die Forscher glauben, mit der synchronisierten Dynamik des Pulsschlags zumindest einen der Schlüsselmechanismen gefunden zu haben, die für die starke Harmonisierung einer Gruppe während eines gemeinsamen Rituals verantwortlich sind.

 

Organisatoren des Gesellschaftslebens

Durch diesen Nachweis, dass Rituale ihre Wirkung auf den Organismus, auf Organfunktion und Nervensystem ausüben können, werden frühere Studien bestätigt, die den Einfluss des Rituals sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene aufzeigen und den rituellen Handlungen eine heilsame Wirkung zusprechen. Rituale seien heute noch wichtig für Gesundheit und Wohlbefinden, lautet etwa die Quintessenz der bisher größten durchgeführten Analyse von zahlreichen Ritual-Studien durch ein US-Forscherteam rund um die Psychologin Barbara Fiese von der Syracuse University.

 

Die Wissenschafter sehen in Ritualen wichtige und machtvolle „Organisatoren“ des Gesellschaftslebens, die Stabilität garantieren. Rituale seien heute noch in vielen Kulturen sehr lebendig und würden etwa in allen Studien zum Thema assoziiert mit gesunden Kindern, glücklichen Ehepaaren, starken familiären Bindungen und einem Bewusstsein für die eigene Identität. „Rituale sind eine Art symbolische Kommunikation“, bringt es Fiese auf den Punkt: Sie transportierten ein Gemeinschaftsgefühl wie „das sind wir“ für eine bestimmte Gruppe und bieten über Generationen hinweg Kontinuität.

 

Zudem, so die Ergebnisse, gibt es bei Ritualen häufig eine emotionale Prägung, wenn die Handlung an sich schon abgeschlossen ist: Viele Menschen erleben das ihnen Widerfahrene in der Erinnerung erneut, um positive Erfahrungen zu wiederholen und damit werden so genannte „Glückshormone“ ausgeschüttet – Nervenbotenstoffe wie Serotonin und Dopamin, die auf das „Belohnungszentrum“ im Gehirn wirken. Untersuchungen zeigen, dass vor allem Kinder gesünder sind und ein positiveres Verhalten zeigen, wenn es vorhersehbare Routinen im Alltag gibt. Ganz allgemein, schlussfolgern die US-Forscher, helfen Rituale gegen Infektionen, stärken das Immunsystem und verbessern insgesamt die Gesundheit. Im Bereich der Psyche wirken Rituale besonders gegen Angstzustände, Depressionen, Selbstzweifel und dergleichen.

 

Ausgangspunkt für alle Rituale ist der Einklang mit der Natur, mit dem Leben. Daher orientieren sich die meisten Rituale, auch jene der Religionsgemeinschaften, am Jahreskreis, an den Jahreszeiten. Was heute Chanukka oder Weihnachten ist, wurde damals als Wintersonnwende in einem Lichtfest gefeiert: der Übergang von der dunklen zur hellen Jahreszeit. Neben den Ritualen, die sich am Jahres-kreis orientieren, gewinnen auch sogenannte Übergangsrituale beziehungsweise Initiationsriten, die die Grenze zweier Lebensabschnitte markieren, zunehmend an Bedeutung: Erstkommunion, Firmung, Maturafeiern, Hochzeit. „Solche Rituale für Übergänge sind immens wichtig – und zwar nicht nur kollektiv für den Zusammenhalt der Gemeinschaft, sondern auch für die Psyche des Einzelnen“, verdeutlicht die Ethnologin Birgit Röttger-Rössler von der Freien Universität Berlin. Wichtig dabei seien etwa das gemeinsame Handeln, der gemeinsame Fokus und der enge Kontakt zueinander. Solche Momente erlaubten es dem Einzelnen, aus dem alten Alltag herauszutreten und sich dann in neuem Status wieder einzugliedern. Erfrischt und gestärkt. Um seine ganze Kraft zu entfalten, brauche das Ritual aber die körperliche Gegenwart. „Über das Internet beispielsweise werden wir uns nie so spiegeln können und so empathiefähig sein“, sagt Röttger-Rössler.

 

Schade nur, bedauert Michaela Noseck-Licul vom Dokumentationszentrum für traditionelle und komplementäre Heilmethoden in Österreich, dass in unserem Kulturkreis Heilrituale nur noch sehr selten angewendet werden: „Diese haben sich reduziert auf den regelmäßigen Arztbesuch, nach dessen Ende die Patienten mit einem Rezept zuerst in die Apotheke und dann nach Hause gehen.“ Dies habe damit zu tun, dass in vielen anderen Kulturen die Arbeit mit Symbolen und transzendente Bewusstseinszustände eine Selbstverständlichkeit sind. „Bei uns ist diese Tradition, mit Ausnahme der Kirche vielleicht, abhanden gekommen.“ Um dem entgegen zu wirken, startet Noseck-Licul mit ihrem Team im nächsten Jahr unter dem Titel „Mensch – Natur – Ritual. Lebensphasen im Jahreskreis“ eine Veranstaltungsreihe quer durch Österreich.

 

Das Essenzielle bei traditionellen Heilriten, erklärt die Wissenschafterin, liege in einem speziellen Setting, in dem verschiedene Teilhandlungen gesetzt werden und damit eine Vielzahl an Wirkfaktoren zum Tragen kommen. Der erste Schritt sei, dass während des Zeremoniells eine Erklärung für das zu behandelnde Leiden gefunden wird. „Allein das Verstehen der Ursachen ist bereits ein Heilschritt – die meisten Leiden, die mit Ritualen bekämpft werden, haben ihre Ursachen im sozialen Umfeld.“ Im zweiten Schritt würde mit Symbolen, die in der jeweiligen Gesellschaft eine Rolle spielen, gearbeitet. „Wir dürfen nicht vergessen, dass uns Symbole fast überall begegnen“, sagt Noseck-Licul, „das beginnt bei religiösen Objekten und endet bei Farben, auch bei Farben, die die moderne Medizin einsetzt, etwa bei Medikamenten, weißen Arztkitteln und vielem mehr.“ Um all dies zu verinnerlichen, werde das Ritual meist begleitet von sinnlichen Komponenten wie Tanz oder Musik. „Damit wird oft ein veränderter Bewusstseinszustand induziert, die Symbolik kann noch intensiver erlebt werden.“ Schließlich müsse der rituelle Rahmen wieder geschlossen werden. In früheren Zeiten wurde dies oft mit einem gemeinsamen Opfer getan, heute sei es das Messopfer in der Kirche oder eine gemeinsame Mahlzeit. Und schließlich dürften auch konkrete Handlungsanweisungen nicht fehlen, um das Leiden zu kurieren. In Summe, fasst Noseck-Licul zusammen, „ist das Ritual ein ästhetisches Kunstwerk, eine eigene Heilkunst“. Doch sei es schwierig, die heilsame Wirkung von Ritualen wissenschaftlich mit Methoden der evidenzbasierten Medizin zu erforschen, da so viele verschiedene Komponenten mitspielen, sagt Noseck-Licul.

 

Stärkung des Immunsystems

Dass sich Rituale – abgesehen von inzwischen belegten Einflüssen auf das psychische Wohlbefinden – auch positiv auf die physiologische Gesundheit auswirken, ist aber in zahlreichen kleinen Feldstudien immer wieder bestätigt worden. Es gibt sogar Beobachtungen, dass Heilrituale das Immunsystem stimulieren können, das wurde bei HIV-Infizierten in Afrika gesehen, bevor die medikamentöse Therapie dort eingeführt wurde. HIV-Positive, die sich rituellen Handlungen von traditionellen Heilern unterzogen haben, hatten danach feststellbar höhere Werte an T-Helferzellen als andere. Äußerst aufschlussreich war auch eine Untersuchung von Forschern um Ted Kaptchuk von der Harvard Medical School in Boston, veröffentlich im US-Fachmagazin Public Library of Science (PLoS), die sich mit dem schulmedizinischen Ritual der täglichen Tablettenausgabe in Spitälern auseinandergesetzt hat. Der Placeboeffekt ist der Medizin bereits lange bekannt und ein wichtiger Aspekt bei wissenschaftlichen Studien und bei der Entwicklung von Medikamenten. Dabei werden die Scheinpräparate als Vergleich eingesetzt, um die reale Wirkung einer Substanz von dem psychologischen Einfluss der Medikamentengabe trennen zu können. Placebos werden von Ärzten jedoch gelegentlich auch gezielt eingesetzt, um einen Behandlungserfolg ohne die Gabe von möglicherweise belastenden Medikamenten zu erzielen. Diese Strategie nutzten sie bisher allerdings ohne das Wissen der Betroffenen – kann aber auch ein offener Umgang mit dem Thema zum Erfolg führen? Er kann!

 

Beschwerden von Patienten mit Reizdarmsyndrom besserten sich demnach durch die Einnahme von Zuckerpillen, von deren Wirkstofffreiheit die Probanden wussten. Dieses Ergebnis widerspricht der gängigen Theorie zum Placeboeffekt, nach der der Erfolg der wirkstofflosen Präparate auf dem festen Glauben des Patienten beruhe, er nehme ein echtes Medikament. Die Forscher folgern, dass allein schon die medizinischen Rituale der Einnahme eines Medikamentes ausreichen, um positive Effekte zu erzielen.

 

Dennoch sind Rituale in sehr vielen Fällen und quer durch alle Kulturkreise und Geschichtsepochen von Musik beziehungsweise Rhythmik begleitet, also in ein entsprechend erkennbares Setting eingebettet. Was nach den Studienergebnissen einer Forschergruppe um Valorie Salimpoor von der McGill University in Montreal, veröffentlicht im US-Fachmagazin Nature Neuroscience, nur logisch erscheint: Gute Musik wirkt im Hirn ähnlich wie Sex oder Drogen: Beim Musikgenuss kommt es im Gehirn zu einer Ausschüttung desselben Botenstoffs, der auch bei anderen befriedigenden Aktivitäten ein Wohlgefühl hervorruft, Stress lindert, Entspannung verschafft und sogar Schmerzen lindern kann. Daneben, ergänzt der Kultur- und Sozialanthropologe Gerhard Tucek, Leiter des Instituts für Ethno-Musiktherapie an der Fachhochschule Krems, strukturiert Musik durch ihre Rhythmik die Atmung, was stark relaxierend wirkt und so die Empfänglichkeit für rituelle Handlungen erhöht. Für Tucek ist das Ritual „eine Einladung zur Manifestation einer anderen Dimension des Lebens, eine Einladung, einen anderen Bewusstseinsraum zu betreten.“ Zum Beispiel während der Christmette. —

 

 

 

Webtipps:

 

www.cam-tm.com

 

http://ethnomusik.com

 

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