Raus aus dem Kinderzimmer

Foto: Pixabay.com
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Um stark durchs Leben gehen zu können, brauchen Kinder die Natur. Selbst Entscheidungen treffen zu können und die eigenen Grenzen auszutesten ist wichtig für die Entwicklung. Experten raten: Weg vom Fernseher, rein in den Gatsch!

Katrin Waldner

Die Tage werden wieder länger: mehr Zeit für Kinder, draußen zu spielen. Doch vor allem in den Städten kann man immer weniger Kinder beim Spielen in Parks beobachten, und auch am Land sieht man Kinder in der Natur eher selten. Die meisten sitzen nach einem anstrengenden Tag in der Schule und bei diversen geplanten Freizeitaktivitäten wie Klavier- oder Schwimmunterricht ausgelaugt zu Hause vor dem Fernseher. Eltern wollen ihre Kinder so gut wie möglich fördern, die Kleinen müssen Flöte spielen oder Sprachen lernen, möglichst schon ab dem Kindergartenalter. Dabei übersehen sie, dass es für die kindliche Entwicklung wichtig ist, so viel Zeit wie möglich in der Natur zu verbringen.

 

Matthias Pramstaller, der beim Österreichischen Alpenverein das Projekt „Junge Alpinisten“ leitet, weiß von solchen Fällen: „Familien, die am Land leben, kennen die langen Sommerabende, an denen die Kids nicht und nicht von ihren Streifzügen durch Wald und Wiesen zurückkehren. Sie sind im Zeitlos-Modus und weit weg von elterlicher Kontrolle und Aufsicht. Das freie Spiel draußen scheint Antrieb genug für noch mehr Matsch und Abenteuer. Leider lernen viele Kinder dieses Einfach-nur-draußen-Sein nicht kennen.“

 

Dabei wäre gerade dieses Draußen-Sein für Kinder wichtig. Nicht nur was ihr seelische und kognitive Entwicklung betrifft, sondern auch ihre Gesundheit: Beate und Olaf Hofmann stellen in ihrem Buch „Einfach raus!“ eine schwedische Studie vor, bei der ein Stadtkindergarten in Malmö und ein Kindergarten in der Kleinstadt Klippan mit naturnaher Umgebung untersucht wurden. Heraus kam, dass die „Draußen-Kinder“ weniger krank waren und vielfältigere Spielideen hatten. „Insgesamt waren die Kinder der Naturtagesstätte konzentrierter, befolgten Anweisungen eher, nahmen anderen Kindern weniger Sachen weg, unterbrachen andere weniger und waren motorisch sicherer.“

 

Fehlen Kindern Naturerfahrungen, entwickeln sie ein „Naturdefizit-Syndrom“, wie Richard Louv, ein US-Journalist und Umweltaktivist, schreibt. Die Folgen: Kinder werden dicker, ernähren sich ungesund, bleiben in ihrem Zimmer, haben kein Gespür für Risiken und den Rhythmus der Natur, spielen lieber am Computer als mit Gleichaltrigen. Das kann auch dazu führen, dass Kinder glauben, Kühe seien lila und Enten gelb. Der Mangel an Natur ist etwas, was nicht nur einzelne Kinder betrifft, sondern Folgen für die ganze Gesellschaft hat, „denn was wir nicht kennen oder für wesentlich erachten, schützen wir nicht“, wie Beate und Olaf Hofmann schreiben.

 

Die Lösung für dieses Problem ist einfach: Kinder in den Wald, auf die Wiesen, in die Berge bringen. Doch oft ist ihnen freies Spiel in der Natur nicht möglich, weil Eltern Angst haben. Stundenlanges Herumstreunen, draußen, allein – undenkbar! Dem Kind könnte etwas zustoßen. „Kinder leben im 24-Stunden-Überwachungsmodus, werden in Watte gepackt. Jegliche Bemühungen Erwachsener drehen sich um mehr Sicherheit – am Spielplatz, im Kinderzimmer, draußen, im Garten. Das Credo lautet: Es darf nichts passieren! Mit dieser Kontrollillusion verbauen wir einer Generation die Möglichkeit, sich auf das Leben vorzubereiten“, sagt Matthias Pramstaller.

 

Dabei sei gerade mit Gefahren und vor mit allem sich selbst umgehen zu können so wichtig. An den Widerständigkeiten der Natur lernen Kinder, ihren „seelischen Haushalt selbst zu führen“, wie der Hirnforscher Gerald Hüther und Herbert Renz-Polster in ihrem Buch „Wie Kinder heute wachsen“ festgestellt haben. Hüther rät Eltern, die Angst haben, ihre Kinder in den Wald zu lassen: „Angst ist ein Gefühl, das durch den Stress ausgelöst wird, eine Situation nicht bewältigen zu können. Deshalb hilft nur die Erfahrung gegen die Angst, dass etwas, wovor man sich fürchtet, nicht eintritt. Wir brauchen also positive Erfahrungen und natürlich auch Aufklärung. Wie gefährlich ist der Fuchsbandwurm oder die Zecke im Wald tatsächlich? Mittlerweile ist bekannt, dass es um diese Themen eine regelrechte Hysterie gab, die Menschen Angst macht, in den Wald zu gehen. Dort, wo ein Mensch eine Belastung als kontrollierbar erlebt, kehrt sich die Angst um. Die Bedrohung wird zur Herausforderung, aus Angst wird Zuversicht und Mut, aus Ohnmacht wird Wille.“ Wenn also Eltern gelernt hätten, wie bedeutsam die Natur für die vielfältige Entwicklung ihrer Kinder ist, dann werden sie es wirklich wichtig finden. „Und wenn sie es wichtig finden, mit ihren Kindern die Natur zu erleben, finden sie auch einen Weg dorthin“, sagt Hüther.

 

Und wenn sie, beispielsweise, den Weg in die Berge finden, ist es ein Erlebnis, von dem alle profitieren, wie Matthias Pramstaller beschreibt: „Eltern, die gerne mit ihren Kindern in den Bergen unterwegs sind, kennen die Situation: Nichts geht mehr. Die Kleinen sitzen müde am Forstweg, aufgebracht und ohne Motivation, einen weiteren Schritt zu tun. Das Tagesziel rückt in weite Ferne. Kinder interessieren sich nicht für Ziele, zurückgelegte Wegstrecken oder Höhenmeter. Die richtigen Abenteuer liegen für sie am Wegesrand. Lassen wir Kinder ungeplant im Wald herumstreunen, oder gehen wir mit ihnen auf Entdeckungsreise, ergeben sich jene magischen Momente, in denen Natur wirkt: Kinder lernen ihre Fähigkeiten und Grenzen kennen, sprühen vor Fantasie und Kreativität und gestalten die grenzenlosen Freiräume. Ohne Reizüberflutung und erwachsene Kontrolle. Uns Eltern bleibt in diesen Momenten das Gefühl, dass unsere Kinder ‚rundlaufen‘, eben ganz bei sich sind.“

 

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