Allergien: Hysterisches Immunsystem?

Von Mag. Norbert Fuchs

 

Der Begriff „Allergie“ wurde erstmals im Jahr 1906 von einem Wiener Kinderarzt geprägt, frei übersetzt mit „Reaktion auf Fremdes“. Clemens von Pirquet, so hieß der Wortschöpfer, hatte sich damals wohl nicht gedacht, dass seine Wortkreation 100 Jahre später eines der häufigsten Krankheitsphänomene in den Industriestaaten bezeichnen sollte. Immerhin leidet ein Viertel (also jede/-r Vierte) in den Wohlstandsländern an immunologischer Überempfindlichkeit, wie Allergien heute bezeichnet werden. Naturgemäß wissen wir heute sehr viel mehr über Auslöser, Verstärker und pathophysiologische Abläufe allergischer Reaktionen. Auch wird – wie sollte es anders sein – der allergischen Disposition (der Bereitschaft, an Allergien zu leiden) eine genetische Veranlagung zugeschrieben: Sind beide Elternteile Allergiker, so liegt für die Nachkommen die Neigung bei 40 bis 60 Prozent; ist nur ein Elternteil betroffen, entwickeln 20 bis 40 Prozent der Kinder eine Allergie.

Auslöser von Allergien können Tierhaare, Pollen oder Hausstaubmilben sein. Prinzipiell aber ist jeder Stoff potenziell dazu geeignet, in unserem Immunsystem eine überschießende Antigen-Antikörper-Reaktion auszulösen und damit das immunologische Netzwerk aus der Balance zu bringen. Die häufigsten Auslöser von Allergien – Tierhaare, Blütenpollen und Milben – sind über die letzten 100 Jahre weitgehend die gleichen geblieben. Geändert hat sich aber offensichtlich vor allem unsere Immunreaktion auf diese weitgehend harmlosen Fremdstoffe. Auch wenn einzelne Theorien die zunehmende Umweltverschmutzung (Stichwort „Dieselpartikel in Birkenpollen“) oder, sozusagen als Antipode, übertriebene Raum- und Körperhygiene (Stichwort „Dreck- und Urwaldhypothese“) als Ursache für den rasanten epidemiologischen Anstieg von Allergien in den Raum stellen: Wirklich überzeugend sind diese Thesen nicht.

Naturgemäß verfügen wir heute auch über eine Reihe von Haut- und Inhalationstests, über Verträglichkeitsuntersuchungen von Nahrungsmitteln – mittlerweile mit korrespondierender Allergenverordnung in Restaurants – und über diverse Blutuntersuchungen, die unsere Hypersensibilitäten spezifischer definieren. Somit wissen wir heute – quasi in präventiver Konsequenz – genauer, welche Tiere und an welchen Frühlingstagen wir Spaziergänge im Stadtpark eher meiden sollten. Die bis zum heutigen Tag angebotenen therapeutischen Optionen sind dagegen vergleichsweise bescheiden. Symptomatische Therapien wie Antihistamine und Co. bringen zwar vorübergehende Symptomlinderungen, aber keine nachhaltige Problemlösung. Hypo- und Desensibilisierungen dauern oft über Jahre und bringen ebenfalls häufig nur bescheidene Erfolge.

Bleibt noch die Option, die Veränderungen unseres Nahrungsmittelangebotes und unseres Essverhaltens während der letzten Dekaden, nämlich zeitlich parallel zur steigenden Allergieinzidenz, unter die Lupe zu nehmen. Dieser Vergleich aber wird nicht gezogen, sei es mangels ernährungsmedizinischer Kompetenz der Verantwortlichen oder einfach mangels wirtschaftspolitischer Bereitschaft.