Bewegung heilt

Open Floor ist Bewegungspraxis, Therapie, Gruppenprozess und Seelennahrung. Die neue Tanz-Form verknüpft freie Tanzpraktiken mit therapeutischen Aspekten. 

 

Wenn wir tanzen, sprechen unsere Körper. Die Elemente dieser Sprache sind universell, Atmen, Schwerkraft, Rhythmus, Aktivierung, Entspannung, Ausdehnung, Zusammenziehen. Freie Tanzpraktiken, also solche, in denen keine bestimmte Form vorgegeben wird wie Authentic Movement, Soul Motion, Biodanza oder 5Rhythmen, nutzen diese Elemente bewusst.

Eine junge Variante dieser Tanzformen ist die Open Floor Bewegung. Andrea Juhan, Therapeutin und Schülerin der 5Rhythmen-Begründerin Gabrielle Roth, hatte nach jahrzehntelanger Erfahrung als 5Rhythmen-Lehrerin nach einer Form gesucht, in der sie das Potenzial der 5Rhythmen und ihre Ressourcen als Therapeutin zusammen führen und nutzen kann. „Ich habe auf der Tanzfläche so viele Bewegungen gesehen. Wir sind ständig am Reagieren und treffen laufend Entscheidungen – Entscheidungen in Beziehung zu uns selbst, zu dem, was uns bewegt, in Beziehung zu einem Gegenüber und in Beziehung zu einer Gruppe. Ich suchte nach Wegen, dieses Potenzial zu nutzen, es greifbar zu machen. Möglichkeiten zu eröffnen, sich der Dynamiken bewusst zu werden, damit zu spielen, zu wählen, neue Verhaltensmuster hinzuzufügen, oder welche auszuborgen. Die 5Rhythmen liefern die Sprache für diesen therapeutischen Prozess.“

Im Open Floor, den Andrea Juhan zusammen mit Kathy Altman, Lori Saltzman, Vic Cooper und anderen entwickelte, nden auch andere Bewusstseinspraktiken wie Meditation, Psychodrama und Somatische Psychotherapie ihren Eingang. Basis dieser integrativen Tanzpraxis bildet das Grundwissen, dass Bewegung heilt. „Wir haben uns verschiedene Fragen gestellt: Wie und warum erfahren Menschen in Bewegung Heilung? Was suchen Menschen im Tanz? Was sind die universellen Prinzipien, die allen bewussten Bewegungsdisziplinen zugrunde liegen? Und was geschieht beim Tanz, diesem Akt des kollektiven Selbstausdrucks?“ Diese Fragen öffneten den Raum für die therapeutischen, künstlerischen, gemeinschafts- bildenden und spirituellen Potenziale und Aspekte des Tanzes. „Wir nutzen den Tanz, um uns ganz und gar zu verkörpern – physisch, emotional und geistig“, sagen die Open Floor Begründer. Verkörpern ist ein wichtiges Schlagwort im Open Floor, und es meint des Phänomen, dass im Tanz gelingt, alle unsere Bewusstseinsanteile, unsere Gedanken, unsere Wahrnehmung und unsere Emotionen in den Körper einzubinden. „Den Geist zurück in den Körper rufen und die Füße wieder den Boden spüren zu lassen“, waren für Gabrielle Roth die essentiellen Bestandteile der von ihr entwickelten 5Rhythmen.

Ein Open Floor Abend dauert meist zwei Stunden und ist einem bestimmten Thema gewidmet. Zu Beginn wird Raum gegeben, im Körper und im Moment anzukommen und alle Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt sowie das Thema zu öffnen. Dies können grundlegende Bewegungselemente wie Erden, Zentrieren, Aktivieren und Beruhigen sein, oder Beziehungsthemen wie zu jemanden hin, von jemandem weg, das die Tänzer in Bewegung erforschen. Im Open Floor wer- den diese Elemente unter der Bezeichnung Core Movement Principles (CMP) zusammengefasst, und sie werden auf allen Beziehungsebenen erkundet: in Beziehung zu sich selbst, zu einem Gegenüber, in der Gruppe und im größeren Zusammenhang. Die musikalische Gestaltung ist dabei frei und folgt keinem bestimmten Score wie in den 5Rhythmen, wo die Reihenfolge – owing, staccato, chaos, lyric, stillness – festgelegt ist und eingehalten wird. „Was mich als Yogalehrerin am Open Floor so anspricht, ist die ganzheitliche Philosophie, die westliche Bewegungslehre und psychotherapeutische Erkenntnisse sowie östliche Philosophien wie Yoga oder Buddhismus beinhaltet“, sagt Marion Knotzer, Open Floor Lehrerin in Aus- bildung. „Open Floor ist sehr raumgebend. Wir wollen unsere Bewegungsmöglichkeiten im Tanz sowie im Leben erweitern und vertiefen. Es geht nicht darum, etwas loszuwerden oder zu verändern, sondern alles zu inkludieren was da ist und sich zeigt. Wir tanzen damit und lassen geschehen.“

 

Musik als Katalysator für Bewegung und emotion

Musik wollen die Begründer von Open Floor als Katalysator für Bewegung und Emotion verstanden wissen. „Liebe oder hasse sie, es liegt an dir, wie du auf sie ansprichst. Nutze sie, wie alles andere auch als Brennstoff für deinen Tanz.“ Im Open Floor wird alles eingeladen, was uns bewegt und sich in der Bewegung zeigen will. Die wilden, leidenschaftlichen, freudvollen und kraftvollen Momente gehören ebenso dazu, wie die herausfordernden, wie Angst, Scheu, einschränkende Überzeugungen oder das Gefühl von Isolation. Die Verkörperung dieser Momente fördert deren Integration. Ihre Um- setzung in Bewegung und Ausdruck bedeutet eine direktes in-die-Welt-bringen, also eine Form der Selbstermächtigung.

Die spirituelle Ebene wird im Open Floor durch rituelle Anteile angesprochen, wie das wertfreie Bezeugen des Tanzes der anderen. Die Bewegung in der Gruppe erlaubt den Tänzern, ihre Muster und Angewohnheiten in der Begegnung mit anderen zu erleben und andere Varianten zu erproben, oder wie die Wiener 5Rhythmen- und Open Floor-Lehrerin Claudia Pichl (Verein Shambhala) es ausdrückt: „Die engen Bereiche unseres verletzlichen Herzens zu weiten und zu entspannen und unser Fähigkeit für Beziehung auszudehnen.“

Durch sein integratives Potenzial als Gruppen- und Bewegungspraxis hat Tanz die Eigenschaft, die emotionale Intelligenz zu fördern. „Keiner ist wichtiger als der andere. Die Bewegenden untersuchen zugrunde liegende persönliche und überpersönliche Elemente, die in der Gruppe aufkommen. Solche Prozesse schaffen eine herausfordernde und gleichzeitig unterstützende Umgebung.“ Auf dieser Basis bezeichnen seine Begründer Open Floor auch als kraftvolles Lernfeld für Mitgefühl.

Sich selbst kennen, gesehen zu werden, Intensität auszuhalten und klare Entscheidungen zu treffen, bedeutet Verantwortung zu übernehmen, für das was wir tun, wie wir in der Welt sind. Dies sind die Schlüsselaspekte für ein reifes, entwickeltes Menschsein - Kompetenzen, die in herausfordernden Zeiten wie diesen notwendig sind, wenn wir auf unserem Planeten friedliche und freudvolle Wege des Zusammenlebens finden möchten.