Die Kunst der Empathie

Was fühle ich, wenn ich Dich fühle? Bin ich dann in dir? Oder bin ich in mir? Erkenne ich deine Welt? Oder bleibe ich nur in meiner Welt? Denkst du, was ich denke? Fühlst du, was ich fühle? Und bin ich überhaupt, was ich denke und fühle und wie ist dieses Denken und Fühlen von Dir unterschieden?

Christian W. Bernhard 

Empathie nannte der deutsche Philosoph Rudolf Hermann Lotze (1817–1881) zum ersten Mal 1848 die Fähigkeit des Einfühlungsvermögens. Seither sind die beiden Begriffe nur noch schwer zu trennen. Im altgriechischen Wort empátheia steckt die Wurzel path-, dt. „leiden, fühlen“ und will damit hervorholen, dass ein gemeinsames Fühlen von Emotionen, Motiven und Persönlichkeitsmerkmalen, die einer anderen Person zu eigen sind, gefühlt, erkannt, und verstanden werden kann.

 

Grundlage der Empathie, erklärt Dr. Claus Lamm, Neurowissenschafter und Psychologe der Universität Zürich, ist die Fähigkeit, sich in unterschiedliche Gedanken- und Gefühlswelten hineinversetzen zu können und führt aus, dass die Gehirnforschung gezeigt habe, dass die Fähigkeit der Empathie konkrete Aktivitäten in jenen Bereichen des Gehirns hervorrufe, die ebenfalls aktiv sind, wenn man selbst jene Emotionen empfindet, die man soeben beim anderen wahrnimmt. „Mit anderen Worten: zu spüren, dass jemand anderem Schmerzen zugefügt werden, aktiviert Bereiche im Gehirn, die auch dann aktiv sind, wenn man selbst Schmerz empfindet.“ Empathie könne also als eine Art Mitschwingen (Resonanz) mit den Gefühlen des anderen in einem selbst gesehen werden. Vor allem Kinder würden diese typischen Hirnaktivitätsmuster besonders klar zeigen, die bei Schmerz empfinden auftreten, wenn sie ein schmerzhaftes Ereignis einer anderen Person sehen. 

 

Die zweite Erkenntnis der Neurowissenschaft ist, dass diese Resonanz, dieses Mitschwingen bewusst aber auch unbewusst verändert werden kann. Dadurch ist der Mensch in der Lage, mehr oder weniger Empathie aufzubauen, und diese je nach Situation gezielt zu drosseln oder zu verstärken. Zugleich könne es ein Zuviel oder ein Zuwenig davon geben.

 

Von besonderem Interesse sei dies, so Lamm, für Berufe, „die wiederholt mit den belastenden Emotionen anderer konfrontiert sind. Neueste Ergebnisse zeigen, dass zu geringe Aufmerksamkeit für den anderen das Entstehen von Empathie verhindert. Andererseits kann ein zu viel an Empathie zu einer Abwehr-Reaktion führen.“

 

Theodor Lipps entwarf bereits 1902 eine Theorie über Empathie und bezeichnete diese als „Einfüh- lung“. Er ordnet dabei als zentrales Element der Empathie, die Fähigkeit ein, auf echten menschlichen Ausdruck wie Gesten, Gesichtsausdrücke und Stimmlagen reagieren zu können. Das revolutionär Neue dabei war, dass Lipps erkannte, dass diese Fähigkeit durch „motorische Nachahmung“ entsteht. Nur wenn man die innere und äußere Bewegung eines anderen Menschen nachahmen kann, hat man die Fähigkeit des Einfühlens, so Lipps.

 

Im Toronto Empathy Questionnaire wurde Empathie in exakt dieser Denkweise operationalisiert und in fünf Schritte gegliedert, die aufzeigen, wie die Fähigkeit der Empathie tatsächlich ausgeübt wird, welche Schritte der Nachahmung auftreten müssen, um Einfühlung zu erreichen.

 

1) Zuerst muss man fähig sein die nonverbalen Botschaften wahrzunehmen und korrekt            

    aufzunehmen, zu fühlen, zu erkennen und zu entschlüsseln.

2) Dann muss man fähig sein, die gleichen Emotionen, die der andere empfindet, selbst empfinden zu

    können. Dies ist die grundlegende Fähigkeit der Empathie, die über einen langen Zeitraum    

    entwickelt werden muss und beständig erweitert werden sollte.

3) Daraus müssen ähnliche Gedanken und Erinnerungen abgeleitet werden können. Es muss also ein

    inneres Erleben nachvollziehbar sein, das ähnlich ist in der Art des Denkens, in der Art wie man sich

    erinnert, beziehungsweise das fähig ist, sich gefühlsmäßig korrekt in dieses Denken und Erinnern

    hineinzuarbeiten. Lebenserfahrung, Menschenkenntnis und Philosophie werden hier zu den

    zentralen Elementen, um dies zu können.

4) Im Körper muss es zudem in wesentlichen Teilen zu gleichen oder ähnlichen physiologischen

    Reaktionen kommen, wie veränderter Herzschlag, Beklemmung, „feuchte Hände“ etc. Dafür gilt es

    den eigenen Körper als freies Instrument vieler Gefühle und Emotionen zur Verfügung zu haben.

5) Erst daraus können wirklich bewusste, bzw. wissende, den anderen helfende oder unterstützende

    Handlungsimpulse entstehen. Der Wille, für den anderen da zu sein, ganz einfach, weil man

    nachfühlen kann, wie es ihm geht, ohne sich in sein Leben einzumischen, dieser Wille ist das

    Resultat eines bewusst erlebten Einfühlens.