Zusammenspiel von Körper und Psyche

In jedem Leben gibt es Erlebnisse, Ereignisse und WendepunkteKrisen, die Fragen nach dem Sinn entstehen lassen. Da setzt die Biografiearbeit an. Zeitgemäß, bewegend und spritzig erzählt die Fotografin und Autorin Anna Diethart in dieser Kolumne davon, was ihr Leben bewegt. 

 

Aufgrund eines zu kurzen Abstandes zum vorderen Auto im Zuge meiner Außendiensttätigkeit in Hallein bekomme ich eine saftige Geldstrafe, welche ich als völlig überzogen empfinde und wehre mich. Dies führt im Laufe der Zeit zu einer Mitteilung mit der Aufforderung zum Antritt der Ersatz-freiheitsstrafe von 30 Stunden. Freitag mittags um 12 Uhr trete ich an, zunächst etwas erschrockene Gesichter. Eine junge Polizistin wird gerufen, um mich zu durchsuchen.

Mein Rucksack wird ausgepackt, die Kamera, Autoschlüssel und Reisepass werden zwischenzeitlich für mich aufbewahrt. Ein Polizist macht ein Foto von mir mit dem Kommentar: „Kommt morgen in die Kronen Zeitung!“ Lachen. Gleich danach befinde ich mich im vergitterten Zelltrakt, hohe Räume, eine Frau in der ersten Zelle vor dem Fernseher, ich bekomme die dritte, 5-Betten vorerst für mich alleine, was sich jederzeit ändern kann, wie mir mitgeteilt wird, eindeutig Raucher, eine kleine Nasszelle mit WC und Waschbecken, vier Stühle verkehrt auf einem Tisch, ein großes geschlossenes, sichtge- schütztes Fenster, oben rechts gekippt.

Ich werde abgeholt zur ärztlichen Untersuchung. Ein mehrseitiger Fragebogen ist gemeinsam durchzugehen, sämtliche Krankheitsbilder, Diät, Allergie, Raucher, Suchtgefährdung, Suizidabsichten und evtl. längere Krankenhausaufenthalte. Dem folgt Körpergröße, Gewicht, Sauerstofftest, Blutdruck und „Betriebstemperatur“. Lachen. Der Polizist ist zufrieden festzustellen, dass ich tatsächlich Nichtraucherin bin. Mein körperlicher Zustand ist laut Tests und Messungen Eins A.

Zurück in die Zelle, die große schwere Eisentür fällt ins Schloss, ich beginne zu lesen. Zuerst das Informationsblatt: Den Anordnungen der Aufsichtsbeamten ist Folge zu leisten, bei Durchführung eines Hungerstreikes, mangelnder Hygiene oder bei rücksichtlosem und aggressivem Verhalten droht eine Verlegung beziehungsweise Entfernung aus der sogenannten „offenen Station“. Ich wechsle gerne zum „Brennstoff“, der heute Morgen in meinem Postkasten lag, recht entspannt liege ich am Bett mit dicken Pullover und ebenso dicken Socken und erfreue mich dieser gelungenen Zeitschrift zum Thema „Die Welt ist wie wir sind“. Um 17 Uhr gibt es Abendessen, Begegnung mit meiner Kollegin, beobachtet von der Aufseherin. Von 20 bis 22 Uhr wird die Zellentür aufgeschlossen, Möglichkeit zur Körperpflege. Ein Duschgel habe ich vergessen, brauche ich aber nicht, ich genieße das heiße Wasser.

Um 23 Uhr lege ich mich schlafen und wechsle das Bettzeug auf ein Anderes der fünf Betten, weil es dort dunkler ist. Um zwei Uhr werde ich aufgrund einer laut zufallenden Tür wach, schlafe aber nochmal ein, bis ich kurz vor sechs wieder durch Geräusche geweckt werde. Um Punkt sechs dreht sich der Schlüssel im Schloss, ein kurzes „Guten Morgen“, bevor sich die Tür wieder schließt. Ich stehe auf, wasche mein Gesicht und putze mir lange die Zähne. Wieder am helleren Bett liegend, lesend, fühle ich mich geschwächt, verspüre eine Unruhe im Bauch, parallel dazu Kopfschmerzen, schaue ständig auf die Uhr, überprüfe den „Hausordnungszettel“: Frühstück um acht - kurz vor neun wird endlich die Tür aufgeschlossen, eine neue Stimme, knapp und gleichgültig, duschen ist erlaubt. Ich habe keinen Appetit, der Tee ist picksüß.

Wieder am Bett liegend, kann ich nicht mehr lesen, „Malina“ von Ingeborg Bachmann ist auf einmal nicht mehr auszuhalten, der Text zieht sich, die Seiten werden lang. Die Zelltür ist noch offen, ich suche Kontakt zu meiner Kollegin. Sie gewährt mir Einlass, erkennt die Lage und beruhigt mich, indem sie sich auf mich einlässt. Ich klage ihr die entsetzliche Länge, „30 Stunden hier sind eine lange Zeit und ja, ja, die Mitte“ sagt sie. Ich fühle mich verstanden. Dann erzählt sie, wie sehr ihr das Grün fehlt, dass sie insgesamt sechs Wochen hierbleiben muss, das Maximum sozusagen, knapp die Hälfte hat sie schon, ich bin betroffen. Sie nimmt es gelassen, sie hat keine andere Wahl, sagt sie. Respekt und Bewunderung meinerseits.

Zurück in meiner Zelle gehe ich auf und ab, es hilft nicht. Dann die Erlösung: die Station muss gereinigt werden. Voller Elan putze, wische und fege ich was mir unter die Finger und die Füße kommt, alles mehrmals, es befreit. Meine Kollegin lacht, dann bedankt sie sich. Das Mittagessen wird gebracht, ich esse eine Suppe und eine halbe Portion der Hauptspeise, es schmeckt mir. Ich lege mich wieder auf das Bett, die Hände auf den Brustkorb und beruhige mich, meditiere eine Körperreise und versuche, mich wegzuträumen, es gelingt.

14 Uhr, meine Stimmung lichtet sich, ich lese im Sitzen, brauche Bodenkontakt. Zwischendurch fällt mein Blick immer wieder auf die bunt gemalten Fensterbilder. Drei ähnliche Symbole sprechen mich an, darüber der Text „Unser Ziel ist es, das zu werden, was wir sind.“ Ich beschließe, die Symbole mit meinem mitgebrachten Bleistift nachzuzeichnen. Daraufhin würde ich Ihnen, wenn ich dürfte, den Titel „weibliche Kraft“ geben. Die Tür ist noch immer offen, es beruhigt mich. Ich beginne, mich auf die Freiheit zu freuen. Nochmal besuche ich meine Kollegin und frage, ob ich etwas für sie tun kann. Sie hat alles, sagt sie, Besuch möchte sie sich generell keinen, das weiß ich schon. Wir reden über das Leben, fragen uns direkt und vorsichtig, hören zu, versuchen zu verstehen, werden vom Abendessen unterbrochen. Die Aufseherin kündigt meine Entlassung um 18 Uhr an. Sie holt mich 15 Minuten früher. Durchhaltefreude. Auf dem Weg zum Auto bin ich in Gedanken permanent bei meiner zurückgelassenen Kollegin und leide.

Eine Woche später, Freitag mittags um 12 Uhr befinde ich mich am Parkplatz unterhalb der Hütte, bepackt mit Rucksack, Schlafsack, Thermoskanne und Kamera. 30 Stunden Natur als Ausgleich. Ich lege mich am Bergsee in die Wiese, beginne zu lesen, mache Fotos, entdecke neue Möglichkeiten meiner Kamera, esse meine Jause, pflücke Heidelbeeren und trinke Tee. Einige Menschen in unmittelbarer Nähe, warmes Wetter, Sonne, die Füße im See.

Auf der Aussicht nach einem Schlafplatz bleibt mein Blick auf einem Logenplatz links oberhalb des Bergsees hängen. Oben angekommen, ist er perfekt geeignet. Der Himmel leuchtet am Bergrand in strahlendem Rot, gefolgt von grau bis orange. Die unendliche Weite wirkt wohltuend, die Seele bekommt Raum, mein Körper will sich bewegen, dem gebe ich nach, umso entspannter falle ich in den Schlafsack. Der Vollmond knallt mir direkt ins Gesicht, alles ist hell, die Sterne funkeln, der Boden ist kalt und nass geworden, ich bleibe ruhig liegen, ziehe mir den Schlafsack über den Kopf und schlafe erneut ein. Als der Morgen kommt, bin ich schon wach, fühle mich entspannt, ausgeruht, leicht, ohne Be- schwerden, physisch wie psychisch. Ich packe meine Sachen und gehe dem Sonnenaufgang entgegen. Die Morgensonne wärmt meinen Körper und meine Seele. Stundenlang könnte ich so sitzen, mit geschlossenen Augen, der Sonne zugewandt. Zum Frühstück gibt es Beeren und einen Apfel, mehr bedarf mein Körper nicht.

Zu Mittag begebe ich mich auf die Hüttenterrasse, eine Familie nimmt an meinem Tisch Platz, wir scherzen und lachen, das Essen schmeckt, der Kaffee auch. Danach nochmal zum See, die Sonne in voller Kraft brennt auf der Haut und ermöglicht ein gänzlich erfrischendes Abkühlen im kalten Wasser. Erfrischende Entspannung. Studium einer Fachlektüre. Eine halbe Stunde nach 18 Uhr bin ich beim Auto, gestärkt, zufrieden, ruhig, leicht.