Wenn Sterne aufeinander knallen

 

Interessenskonflikte, Streit, Enttäuschung, Resignation: Familie, Urlaub und Harmonie sind mitunter schwer zu vereinen. Die lebensweise befragte Expertinnen und Experten, wie der Sommerurlaub zur echten Erholung für alle werden kann.

Von Ina Schriebl

 

Meine Erfahrung ist, dass man im Urlaub all das nachholen will, wofür sonst kein Raum ist. Der hohe Anspruch lautet: Jetzt muss alles schön sein“, erzählt Roland Bösel, Imago- und Familientherapeut in Wien. Er rät, diese Ansprüche hinunterzuschrauben und jedem Familienmitglied Zeit zu lassen. Ein Gespräch zu suchen, bei dem sich die Familie hinsetzt und folgende Fragen klärt: Was erwartet sich jeder? Und: Was wird im Hinblick auf den Urlaub erhofft? Im Anschluss daran bekommt jeder den Raum, den anderen mitzuteilen, was er sich wünscht. Dabei kann man sich auch selbst fragen: „Wie verhindere ich, dass das geschieht, was ich mir von der Urlaubszeit mit der Familie erhoffe, und was kann ich aktiv dazu beitragen, dass sich meine Wünsche auch erfüllen?“ 

 

Wenn es dennoch zu einem Krach im Urlaub kommt, sei es wichtig, so Bösel, erst einmal zu deeskalieren. Er empfiehlt als erste Intervention, die Ebenen zu wechseln, Zeit verstreichen zu lassen und erst dann miteinander zu reden, wenn sich die Situation etwas entspannt hat. Durch diesen Abstand würden sich die Gemüter beruhigen und dadurch sei ein konstruktives Gespräch leichter möglich. Der Familientherapeut weiter: „Man muss sagen, dass im Urlaub jene Konflikte hochkochen, die sonst keinen Platz haben. Entscheidende Fragen können da geklärt werden, wie: „Was braucht es wirklich für eine gute Lösung des Konflikts, welche Unterstützung kann man sich dafür holen?“ 

 

Wichtig erscheine ihr, sagt die Kommunikationsexpertin Gabriele Grunt, schon vor der Wahl des Urlaubsziels oder der einzelnen Aktivitäten auf die Personen zu achten: Was brauchen sie? „Ein Familienmitglied will Action, ein anderes eher Ruhe, die Mutter vielleicht Raum und Zeit für sich. Gemeinsam gilt es, diese Wünsche im Urlaubsprogramm unterzubringen und zu sehen, welche Gegebenheiten passen dazu gut“, erzählt Grunt, die als zertifizierte Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg sowie Kulturanthropologin und freie Kommunikationstrainerin mit ihrem Mann und zwei Kindern in Wien lebt.

 

In der Gewaltfreien Kommunikation geht es darum, hinter die Worte zu hören, was der andere wirklich braucht, man hört dabei nicht auf Vorwürfe und Kritik, sondern man hört auf die Bedürfnisse. Grunt nennt ein Beispiel: „Das machen wir schon zum 87. Mal!” – die Botschaft „dahinter” könnte heißen: Derjenige möchte Abwechslung. Da gilt es, hinzuschauen, betont die Expertin. Bei einem Konflikt sei es wichtig, dass alle Beteiligten mit ihren Bedürfnissen gehört werden, bevor eine Entscheidung für eine Strategie gefällt wird. Oft ist es so, dass zwar alle ihren Standpunkt vertreten, aber niemand von ihnen den anderen zuhört. „Wenn Sie merken, dass in einem Konflikt nicht so schnell eine Lösung gefunden werden kann, entscheiden Sie lieber, wer von den Beteiligten als erstes zuhören möchte und treffen Sie die Vereinbarung, dass alle Beteiligten nach der Reihe dran kommen. Worum geht es jedem einzelnen eigentlich? Mitbestimmen können? Gehört werden? Gemeinschaft? Entspannung? Erst wenn ausreichend gehört wurde, was alle Beteiligten brauchen, kann konstruktiv über eine Lösung geredet werden, die für alle annehmbar ist.“ 

 

Der Villacher Psychotherapeut Thomas Langer bietet seinen Klienten ein spezielles Urlaubscoaching an. Ziel dabei ist, zu klären, was Paare und Familien sich in Bezug auf die freien Tage vorstellen. Bei seiner Arbeit mit Familien fragt er die Kinder direkt, was sie sich im Urlaub wünschen. Es wird besprochen, wie viel Zeit man gemeinsam verbringt und was jeder für sich machen möchte. Langer schildert eine klassische Situation im Urlaub: Die Frau möchte ein Buch lesen, der Mann möchte einen Ausflug machen und die Kinder wollen Sandspielen. Der Mann geht davon aus, dass seine Frau, die ohnehin am Strand liest, auch die Kinder dabei beaufsichtigt, und er macht seinen Ausflug, die Kinder streiten währenddessen und die Frau kommt nicht dazu, ihr Buch zu lesen.

 

Langer erhebt vorab in seinem Coaching, wie die Urlaube in der Vergangenheit abliefen, was funktioniert hat und was nicht. In seiner Arbeit orientiere er sich an den Familientherapeuten Walter Kempler und Jesper Juul. Letzterer hat familylab gegründet, eine internationale Organisation für Beratung, Training und Kompetenzentwicklung. Dabei geht es nicht darum, dass Eltern sich in Kursen als Vater oder Mutter qualifizieren. Es geht vielmehr darum, Eltern beratend zu begleiten in dem lebenslangen Prozess, der das Leben in Beziehungen ist. Jesper Juul sagt: „Ich glaube nicht an Elternerziehung!“ Weiters zweifelt er daran, dass es möglich ist, sich in Kursen zu Vater oder Mutter ausbilden zu lassen. Diese „Ausbildung“ kann nur im tagtäglichen Zusammenspiel mit Kindern und Erwachsenen stattfinden und ist ein lebenslanger Prozess. 

 

Evelyn Klemenz ist diplomierte Familien- und Erziehungsberaterin sowie Elternbildnerin und familylab-Seminarleiterin in Klagenfurt. Sie ist verheiratet, leidenschaftliche Mutter von drei Söhnen und erläutert ihre Sicht im Gespräch mit der lebensweise: „Ein entspannender Familienurlaub soll das sein, was er ist, ein Urlaub, und da darf man sich auch als Eltern erlauben, sich einfach zurückzulehnen und zu entspannen. Vergessen sie für einige Tage das Erziehen und lassen sie sich von den Wünschen und Bedürfnissen ihrer Kinder lenken und vor allem: Lernen sie sich und Ihre Kinder kennen.“ Eine entspannte Atmosphäre birgt enorm viel Potenzial, wenn man das Erziehen sein lässt. Kinder können sehr wohl zwischen zu Hause und dem Urlaub unterscheiden. Die Erziehungsexpertin rät Eltern: „Bleiben sie sich treu und stehen sie zu ihrer persönlichen Verantwortung. Ein entspannter Familienurlaub ist nur möglich, wenn die Bedürfnisse aller ernst genommen werden, sowohl die der Erwachsenen als auch die der Kinder.“ Zum Stichwort Gleichwürdigkeit erklärt die Fachfrau: „Wollen Eltern ruhig am Pool sitzen und Zeitung lesen, dann ist das auch möglich. Kinder akzeptieren Erwachsene, wenn sie ihnen respektvoll begegnen: ‚Du Schätzchen, ich spiele in einer halben Stunde gerne mit dir im Pool, aber jetzt möchte ich gerne eine halbe Stunde lesen, ist das okay für dich.’“ 

 

Die meisten Kinder würden zwar ein wenig schmollen und sich ihrer Sache widmen, aber sie hätten das Gefühl, ernst genommen und gehört zu werden. Die meisten hielten leider lange Vorträge, warum etwas nicht geht oder schimpften ihre Kinder an, dass sie auch einmal Ruhe brauchen. Dies sei nicht nötig und Kinder fühlten sich dann lästig und nicht ernst genommen.  

 

Eltern kennen selten die Wünsche der Kinder

Umgekehrt könne man auch das Kind in seinen Bedürfnissen ernst nehmen. Wenn das Kind im Restaurant etwas Bestimmtes zum Essen haben möchte, dann sollte man die Persönlichkeit des Kindes ernst nehmen. Nicht über das Kind hinweg bestimmen: Nein, das magst du nicht, nein, das isst du nicht. Eltern glauben oft, die Wünsche der Kinder zu kennen, dem sei aber nicht so. Klemenz: „Nehmen sie ihr Kind ernst, aber seien sie sich auch klar darüber, was sie wollen und was nicht. Wenn ihnen das dritte Eis am Tag zu viel wird, dann sagen sie: ‚Nein, ich will dir kein weiteres Eis kaufen’.“ Da brauche es keine großen Erklärungen, es reiche, wenn sie sagen, was sie wollen. Wenn die Kinder noch immer nachfragen, könnten Eltern immer wieder sagen, dass sie das nicht wollen, oder eine kurze Erklärung geben, sie sollten aber auf keinen Fall lange herumdiskutieren, damit das Gespräch nicht zu einem Machtkampf wird. 

 

Viele Eltern seien im Urlaub trotz Wunsch nach Erholung ungemein genervt und das liege oft daran, dass sie sich über ihre Bedürfnisse und jene der Kinder nicht klar sind. Ein bisschen mehr Gelassenheit tue auch Kindern im Urlaub gut. Einfach einmal die Kirche im Dorf lassen. „Kinder brauchen viel weniger Aufmerksamkeit, als man glaubt und sie dürfen sich auch einmal im Urlaub langweilen. Stehen sie auch im Urlaub zu ihrer Paarbeziehung“, sagt die Klagenfurter Elternberaterin. Kinder sollen sehen, dass Eltern glücklich sind, so können sie es ihnen nachmachen. „Lernen sie ihren Kindern, wie man sich entspannt, langweilt, neue Freunde und kreative Lösungen auch im Urlaub findet. Und auch im Urlaub gilt: Erziehung ist Beziehung.“ Eltern seien immer Vorbild, positiv wie negativ, ist Klemenz überzeugt. 

 

„Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen zu fürchten, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten“, meinte schon Charlie Chaplin so treffend.   

 

lebensweise-Webtipps:

www.psychotherapie-langer.at

www.beratungbamboo.at

www.boesels.at 

www.familylab.at

www.gewaltfrei.at